Mika M. Krüger | Totenläufer


© Mika M. Krüger
© Mika M. Krüger

 

 

Totenläufer ist der Auftakt zu der dystopischen Reihe Silver Coin 203 von Mika M. Krüger, der im Jahr 2075 angesiedelt ist und eine Zukunft beschreibt, in der die Menschen in einer ungleichen Gesellschaft leben, manipuliert von einer Regierung, die nicht vor der Vernichtung einer Mindergruppe zurückschreckt, um an der Macht zu bleiben. Bekämpft von der Rebellengruppe REKA gerät eine junge Frau zwischen die Fronten, die ihre Chance nutzt, um Rache zu üben an dem Mann, der ihre Freunde auf dem Gewissen hat: der Totenläufer!


WORUM ES GEHT

 

Red-Mon-Stadt im Jahr 2075: 

Rina ist eine Lorca. Sie gehört zu einer Gruppe von Menschen mit besonderen Merkmalen, die gejagt und getötet werden. Gerettet von DEM Symbol der Tötungsmaschinerie Red-Mon-Stadts, dem Totenläufer, wird sie später von der Rebellengruppe REKA aufgenommen, die ein Ziel verfolgt: den Totenläufer gefangen zu nehmen und für ihre Zwecke einzuspannen. Um den Tod ihrer Freunde zu rächen, willigt Rina ein, den Rebellen bei ihrem Vorhaben zu helfen. Sie ahnt nicht, welche Auswirkungen ihre erneute Begegnung mit dem Totenläufer auf ihr Leben haben wird.

 

MEINE MEINUNG

 

Red-Mon-Stadt und das Festland sind in einer komplexen Welt angesiedelt, in der ich mich gut  zurechtgefunden habe. Zu Beginn bekommt der Leser einen Eindruck von der Stimmung, die auf der Insel mitten im Ozean herrscht. Er erfährt anhand von Zeitungsausschnitten und einem Brief an den Totenläufer, wem gegenüber die Gesellschaft im Jahr 2075 loyal ist, und wer um sein Leben fürchten muss! 

 

Mika M. Krüger beschreibt die Lorca als eine vom System verfolgte Menschengruppe, die aufgrund ihrer Andersartigkeit - schneeweiße Haut, goldene Fäden in der Iris und besondere Fähigkeiten - für die Propaganda der Stadtverwaltung herhalten muss. Der Totenläufer und seine Gefolgsleute eliminieren die Lorca, da von ihnen eine Krankheit ausgehen soll, welche die Menschheit in Gefahr bringt. Eine Lüge, die funktioniert und den Tod bedeutet. Ich habe beim Lesen eine Gänsehaut bekommen und mich bei dem Gedanken ertappt, dass diese Welt hoffentlich niemals real wird. 

Der Plot um die Lorca erinnert mich an die Marvel-Serie X-Men, mit der ich aufgewachsen bin und die ich heute noch lese. Mika M Krüger spart jedoch mit Details und Hintergrundinformationen, woher die Lorca stammen, ob sie seit ihrer Geburt oder erst später über den Lorcaism verfügen, und hält sich somit die Möglichkeit offen, etwas Eigenes zu schaffen. So kann Rina zum Beispiel die Gedanken von Menschen zu ihren Gunsten beeinflussen. Telepathie im Sinne von Professor X. und Jean Grey. Eine Fähigkeit, die in Totenläufer allerdings nicht bei jedem Menschen wirkt.

Die Figuren sind vielschichtig angelegt und werden lebendig dargestellt. Die wechselnde Erzählperspektive gibt mir als Leser die Möglichkeit, mehr über Rina und Co zu erfahren und an Informationen zu kommen, die den anderen Figuren vorenthalten bleiben. Fragen werden beantwortet und gleichzeitig aufgeworfen, wodurch die Spannung erhalten bleibt. 

 

Für mich sticht klar Neel Talwar heraus. Seit seinem Auftritt im Zusammenspiel mit Tom Lichterfeld in Kapitel 2 hat er mich am Schlafittchen gepackt und nicht mehr losgelassen. Der Leser erfährt mehr über Tom und über den Mann, der Totenläufer genannt wird, jedoch anders erscheint, als Tom Lichterfeld es erwartet hat: als Mensch mit Emotionen. Der Dialog und das Spiel mit der Münze fesseln und machen das Kapitel zu einem Lesegenuss! Die Ambivalenz ist so grandios dargestellt, dass es mich sofort gefesselt hat. Der Totenläufer zählt zu meinen Lieblingsfiguren in der Welt von Silver Coin 203.  Neben ihm verblasst der restliche Cast im Laufe der Geschichte. 

Nicht ganz überzeugen konnte mich Amanda Whitman. Als Charakter angelegt, der skrupellos agiert und zum Erreichen ihrer Ziele über Leichen zu gehen scheint, ist es mir schwergefallen, sie als Bedrohung wahrzunehmen. Allerdings gibt es eine Szene, in der ich dann doch gedacht habe „Bitch, Du!“. Welche, wird nicht verraten!  

 

Die Sprache ist ein Plus des Romans. Krüger erzählt Totenläufer aus wechselnden Perspektiven und gibt Jedem eine eigene Stimme, die nicht übertrieben, sondern nuanciert eingesetzt wird. Durch die mitunter lyrische, aber klare Erzählweise, sind sowohl die Emotionen der Figuren als auch die örtlichen Stimmungen spür- und greifbar. 

 

Ich habe nie den Überblick verloren, aber in einer Rückblende nicht sofort erkannt, dass es sich um eine solche gehandelt hat, und war etwas verwirrt. Auch, dass einige Figuren ohne Namen bleiben und als „Namenlose“ oder „Bruder der Namenlosen“ bezeichnet werden, hat sich mir nicht erschlossen. Das sind aber nur Kleinigkeiten und mindern nicht den Spaß am Lesen.

 

FAZIT

 

Der Auftakt zur Reihe Silver Coin 2013 von Mika M. Krüger ist absolut gelungen. Neben einem tollen Figurencast überzeugt die Autorin mit einem spannenden und ereignisreichen Plot, der in einer düsteren Zukunft angesiedelt ist. Der Sprachstil und die Erzählstimme überzeugen auf ganzer Linie und machen den Roman, trotz des düsteren Themas, zu einem Lesespaß. Mein klarer Favorit ist der Totenläufer, Neel Talwar. Mir hätte es Spaß gemacht, den Roman komplett aus seiner Perspektive erzählt zu bekommen. Neben ihm verblassen die anderen Charaktere etwas. Das überraschende Ende und die offengebliebenen Fragen entlassen den Leser mit dem Gefühl, nicht zu lange auf eine Fortsetzung warten zu können!