Observe - Die neue Welt | Lisa M. Louis


© Lisa M.Louis
© Lisa M.Louis

 

Mit dem Auftaktband ihrer dystopischen Young-Adult-Reihe »Observe«  Die neue Welt stellte Lisa M. Louis 2016 ihren Debütroman vor. Dafür wurde sie in dem Jahr mit dem "Amazon-Bestseller Express" auf der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

 

2018 erschien eine überarbeitete Zweitausgabe, auf die sich diese Rezension bezieht. Mit dieser Neuauflage meldete sich die Autorin nach einer Pause zurück und ist seitdem in verschiedenen Foren und auf Facebook wieder aktiv und lässt alle Interessierten an ihrem Schaffen teilhaben.



WORUM ES GEHT

 

Um die Chance auf eine bessere Zukunft zu bekommen, lässt sich die junge Kimberly mit fünfundzwanzig weiteren Personen auf ein Experiment ein: Sie lässt sich Kryokonservieren. 500 Jahre später erwacht sie in einer anderen Welt – nur sie, Martin und Marissa haben überlebt. Schnell wird klar, dass niemandem in dieser Neuen Welt zu trauen ist. Doch als Logan in ihr Leben tritt und sie einer Rebellentruppe beitritt, hat Kimberly nur ein Ziel vor Augen: das System zu stürzen und die Menschen von der machthungrigen Präsidentin zu befreien.

 

MEINE MEINUNG

 

Das wunderschöne Cover wurde durch die Covermanufaktur.de gestaltet und zeigt eine Frau, eingeschlossen in eine fragile Blase, in der sie zu schweben scheint. Die ausgewählten Farben und die Typografien sind ein absoluter Hingucker, weshalb ich mir das eBook auf mein iPad geladen habe. Das und der Klappentext haben mich neugierig gemacht und meine Lust auf die Geschichte angefacht.

 

Die Reise beginnt mit dem Erwachen der Protagonistin Kimberly. Die Autorin legt dabei ein rasantes Tempo hin; innerhalb von zwei Kapiteln erfahren wir von einer Glaskuppel, die das Land umgibt und unüberwindbar scheint, dass die Menschheit fast komplett unfruchtbar ist und alle Jugendlichen zwischen 15 und 18 einem Gen- und Fruchtbarkeitstest unterzogen werden. Paare werden aufgrund ihrer Kompatibilität gebildet, um den Fortbestand der Gesellschaft zu sichern. Zuwiderhandlungen werden bestraft. Und einige Tage später taucht Logan auf, der Love Interest Nummer 1.

 

Mit dem rasanten Erzähltempo werden die wichtigsten Figuren eingeführt. Leider bleibt dabei eine intensivere Auseinandersetzung Kims mit ihren Gefühlen und Verwirrungen auf die Tatsache, Jahrhunderte geschlafen zu haben, auf der Strecke. 

 

Die hohen Zeitsprünge behält Louis im Laufe des Romans zunächst bei. Das die Protagonistin in diesen Zeitspannen kaum etwas über die Neue Welt weiß und diese nur mäßig kennenlernt, ist in meinen Augen nicht plausibel und lässt sie ignorant und gleichgültig gegenüber ihr neues Umfeld erscheinen. Unter anderem führen diese Situationen dazu, dass Kimberly mir nicht wirklich nahe gekommen ist und ihr Schicksal mich kaum berührt hat. 

 

Zu Logan gesellt sich recht bald Love Interest Nummer 2: Martin, der mit Kim erwacht ist und zu dem sie ein eher freundschaftliches Verhältnis hat. Eine Dreiecks-Liebesgeschichte darf in einem Young-Adult-Dystopie-Roman natürlich nicht fehlen. Mit dem Geflecht Logan-Kim-Martin verpasst Louis aber die Chance, die Liebesgeschichte einzigartig zu machen. Die Einführung von Logan fällt zu kurz und zu oberflächlich aus, das Geflecht kann mich nicht wirklich überzeugen. Mir fehlen die Emotionen und ein nachvollziehbarer Aufbau der jeweiligen Beziehungen. So ist die Szene, als Kim Martin mit einer anderen Frau im Bett vorfindet, wenig nachvollziehbar. 

 

Auch die anderen Figuren lassen es an Tiefe fehlen. Louis hätte sich durchaus mehr Zeit für die Entwicklung der Charaktere nehmen können, um als Leser eine emotionale Bindung zu ihnen aufbauen zu können. So auch zur Dritten im Kryo-Bunde, Marissa, die als Nervensäge recht blass bleibt. Auch hier hat Louis Konfliktpotenzial verschenkt. 

 

Dass Kim der Rebellengruppe beitritt und diese unterstützt, ist logisch für die Handlung. Die Motivation dahinter bleibt jedoch unklar. Macht sie dies, um Logan zu gefallen und ihm nahe sein zu können? Steht sie hinter den Zielen, obwohl sie kaum etwas über die »Neue Welt« weiß? Wo steht sie genau?

 

Sauer aufgestoßen sind mir daneben noch zwei Passagen kurz nach dem Rebellenaufstand. Um nicht zu sehr zu spoilern, verzichte ich hier auf eine Beschreibung bezogen auf den Ausgang des Aufstandes. Louis verpasst hier allerdings eine ungemein wichtige Chance, ihrer Geschichte einen Wendepunkt zu geben und Kim wachsen zu lassen. Diese präsentiert sich nach dem Aufstand leider als emotionsarm und narzisstisch, auch wenn die Autorin dies bestimmt nicht beabsichtigt hat. Sich aber zu beklagen, nicht mit beiden Männern zusammensein zu können, und einen Tag nach den brutalen Erlebnissen herzhafte Pfannkuchen zu verlangen nach dem Gang zum Klo, hat mir die Kinnlade runterfallen lassen! Sorry!

 

Hinsichtlich des Schauplatzes kann ich nicht viel sagen, da mir dieser nicht greifbar scheint. Louis bleibt dem Leser eine deutliche Abgrenzung der Neuen Welt zur alten schuldig. Es ist mir nicht ganz klar geworden, ob es einen technischen Fortschritt innerhalb der vergangenen 500 Jahre gegeben hat, oder fast alles beim Alten geblieben ist. 

 

Handwerklich zeigt die Autorin, dass sie schreiben kann. Sie bleibt der Perspektive ihrer Protagonistin in der ersten Person treu und versucht, ihr eine eigene Sprache zu geben. An wenigen Stellen schießt sie dabei über ihr Ziel hinaus und hinterlässt bei mir ein leichtes Kopfschütteln.

 

 Louis wechselt (bewusst oder unbewusst) ihre Erzählform. So hatte ich in manchen Passagen das Gefühl, in einem Tagebuch zu lesen und einen Satz später wieder einer Geschichte zu folgen. Dabei erzähltLouis viel, statt zu zeigen, was auf Kosten der Spannung geht. So passieren ihr häufig unnötige Formulierungen wie:

 

«Er wirkt ziemlich eingeschüchtert und zupft ständig an einem losen Faden seines Overalls herum, während er ruhelos mit dem Fuß wippt«.

 

Das Zeigen des Zupfens und Fuß wippens reicht vollkommen, um zu sehen, dass die Figur nervös und eingeschüchtert ist.

 

Am Schluss wartet Louis mit einem Showdown auf und einem Epilog, der trotz der Schwächen des Erstlings mein Interesse an Band 2 geweckt hat.

 

FAZIT

 

Dem ersten Band der Reihe »Observe – Die neue Welt« merkt man die Nähe zu den »Tributen von Panem« an. Louis verbindet dabei bekannte Elemente, die einen dystopischen Roman ausmachen, mit eigenen Ideen. Die schwachen Figuren überbrückt Louis mit einer interessanten Geschichte, die solide erzählt wird und Fans von dystopischen Reihen kurzweilige Lesestunden bescheren kann.